Die Azoren: Elektromobilität auf Inseln

Eigentlich wollte ich einen Reisebericht über die Elektromobilität auf den Azoren schreiben – meinem letzten Reiseziel. Allerdings ist diese bislang nur rudimentär vorhanden. Bislang. Denn das Potential ist in meinen Augen enorm.

In den letzten zwei Wochen verbrachten wir 10 Tage auf den Azoreninseln Terceira, Pico und der Hauptinsel São Miguel. Um mobil zu sein und um die Inseln auf eigene Faust erkunden zu können, mieteten wir uns jeweils einen Kleinwagen. Einmal einen hoffnungslos untermotorisierten Ford Fiesta (warum werden solche Autos überhaupt noch hergestellt?) mit drei saugenden Zylindern und zwei Mal einen deutlich flotteren Renault Clio TCe.

Wie auch immer, obwohl wir auf allen Inseln den ganzen Tag unterwegs waren, spulten wir kaum mehr als 80 km täglich ab. Für Flächenländer eine geringe Distanz – auf Inseln mit vielen kurvigen Straßen reicht es, um diese halb oder ganz zu umrunden. Hier gibt es eben keine Langstrecken.

Nissan Leaf auf den Azoren
Der Nissan Leaf ist noch am häufigsten anzutreffen. Hier zwei städtische Fahrzeuge beim Laden an der einzigen von mir entdeckten Ladesäule.

Daher stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn die Klein- und Kompaktfahrzeuge, die ca. 60-70% des hiesigen Fahrzeugbestands ausmachen, größtenteils durch E-Fahrzeuge ersetzt würden – vor allem die nicht unbeträchtliche Flotte an Mietwägen. Immerhin kann man beim einheimischen Autoverleiher Ilha Verde einen Renault Twizy mieten. Der reicht dann aber wirklich nur für kleine Touren oder für Fahrten durch die engen Innenstädte.

Fakt ist, dass die Inseln, insbesondere Pico und Terceira sehr dezentral aufgebaut sind. Tankstellen gibt es nur wenige und bei weitem nicht in jedem Dorf. Aber Strom gibt es natürlich überall. Was spräche also dagegen, den elektrischen Mietwagen über Nacht an einer normalen Haushaltssteckdose mit zwei Kilowatt zu laden? Das reicht locker wieder für einen Tag Mobilität auf der Insel. Während der Mittags- oder Kaffeepause, während Ausflügen oder Besichtigungen steht das Auto ebenfalls nur herum und kann mit geringen elektrischen Leistungen geladen werden.

Die Azoren sind zudem durch viele Hügel, Berge und Erhebungen geprägt, die es mit dem Fahrzeug zu erklimmen gilt. Nicht zuletzt besagter Ford tat sich hier unheimlich schwer. Bei einem E-Auto liegt das maximale Drehmoment bereits ab der ersten Umdrehung an und muss nicht erst durch hohe Drehzahlen und entsprechende Schaltarbeit am Getriebe eingefordert werden. Steigungen können also deutlich entspannter befahren werden.

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Hinzu kommen Bergabfahrten, bei denen ein Verbrenner nicht unbeträchtliche Mengen kinetischer Energie einfach vernichtet und die sich ein E-Auto zu einem Großteil kostenlos wieder zurückholen kann (Rekuperation).

Außerdem ist das Klima, hier exemplarisch für die Azoren gesprochen, ganzjährig mild, sodass die Batterie immer im idealen und effizienten Temperaturbereich betrieben werden kann, was den Gesamtwirkungsgrad weiter erhöht.

Es gibt keine hohen Geschwindigkeiten, die gefahren werden dürfen (auf den Azoren maximal 100km/h), sodass auch hier ein E-Auto im sparsamen und effizienten Bereich unterwegs ist.

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Die Renault ZOE Z.E. 40 wäre das perfekte Gefährt für die Touren auf den Azoren gewesen.

Ein weiterer Vorteil ist der Gewinn an Lebensqualität in den engen, historischen Innenstädten: Weniger Lärm, weniger Abgase. Beides Punkte, die einem als Tourist sofort negativ auffallen und die sicherlich auch die Anwohner nicht gerade schätzen. Die geringere Belastung für die historische Bausubstanz darf ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.

Unterm Strich bieten Inseln wie die Azoren also beste Voraussetzungen für die Elektromobilität.

Für eine flächendeckende Umsetzung sprechen derzeit noch einige Punkte dagegen, die sukzessive angegangen werden müssen.

E-Autos sind aktuell noch immer deutlich teurer als konventionelle Fahrzeuge, was insbesondere im preissensiblen Kleinwagensegment ein entscheidendes Kaufhemnis ist. Allerdings spricht auch nichts dagegen, dass der ein oder andere Gebrauchtwagen seinen Weg auf die Inseln findet und somit Emobilität bezahlbarer macht. Nichtsdestotrotz werden sich auch hier die E-Autos erst in großen Stil durchsetzen, wenn die Total Cost of Ownership – die TCO – gleich oder geringer zu konventionellen Fahrzeugen sind. Hier spielt vor allem der Anschaffungspreis eine entscheidende Rolle. Die Azoren gehören schließlich auch nicht zu dem reichsten Regionen Europas.

Autovermietungen könnten trotzdem erste E-Fahrzeuge anbieten, vielleicht in Verbindung mit bestimmten Unterkünften, bei denen nachts geladen werden kann. Die Renault ZOE Z.E. 40, die ja auf dem Clio basiert, wäre dafür prädestiniert. Die Reichweite dieses Fahrzeuges hätte uns auf Pico und Terceira komplett gereicht und auf São Miguel hätten wir einmal nachladen müssen. Aber auch der VW e-up und e-Golf, die verschiedenen smart ed, der Nissan Leaf, Hyundai Ioniq usw. wären geeignete Fahrzeuge.

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Auf Terceira und São Miguel sind bereits einige Windräder in Betrieb.

Mit steigender Anzahl an E-Autos muss natürlich auch das Ladenetz ausgebaut werden, wobei die Ansprüche hier viel geringer sind als bspw. in Deutschland. Hier werden keine Super– oder High-Power-Charger benötigt, in 95% der Fälle dürfte das Laden über Nacht an einer x-beliebigen Haushaltssteckdose reichen. Ergänzt um ein paar gut gesetzte AC-Ladepunkte mit 11 oder 22 kW an Sehenswürdigkeiten oder Cafés, schon wäre das Thema erledigt.

Wichtig bei der gesamtheitlichen Betrachtung ist natürlich auch die Art und Weise der Stromerzeugung. Die Azoren haben bereits einige Windräder installiert und aufgrund der Lage weht der Wind auf dem offenen Ozean natürlich sehr beständig. Dennoch werden aktuell vor allem fossile Energieträger – allen voran Erdöl – importiert und zur Verstromung eingesetzt. Das es so nicht auf ewig weitergehen kann, haben die Azoren erkannt und bereits erste Geothermiekraftwerke, Windräder oder Wasserkraftwerke gebaut.

Geothermie
Aufgrund der vulkanischen Aktivitäten ist Geothermie eine Möglichkeit, erneuerbaren Strom zu erzeugen.

Aufgrund der vulkanischen Aktivitäten ist vor allem die Geothermie vielversprechend und bietet ein großes Potential, die Hauptinsel mit erneuerbarer Energie zu versorgen.

Es zeigt sich also: Die Chancen für die Elektromobilität auf Inseln wie den Azoren sind vorhanden, sie müssen „nur“ noch ergriffen werden.

2 Kommentare zu „Die Azoren: Elektromobilität auf Inseln

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