Tanken, möglichst kompliziert.

Man stelle sich folgendes vor:

Ich fahre mit meinem VW Golf von der Arbeit nach Hause. Unterwegs halte ich noch schnell am Getränkemarkt, um mich mit Mineralwasser einzudecken. Die vier Kästen sind schnell eingekauft und weiter geht es nach Hause. Nach einem Blick auf die Tankuhr muss ich allerdings feststellen, dass ich bei der Rückfahrt noch tanken fahren sollte. Nach einem Blick auf meine Tanken-App entschließe ich mich die Shell anzufahren, die so schön auf meinem Weg liegt, da hier noch mindestens zwei Zapfsäulen frei sind. Dort angekommen, kann ich leider doch keine Zapfsäule anfahren, da die wenigen, vorhanden Zapfsäulen alle belegt sind, obwohl die App weiterhin stoisch das Gegenteil behauptet. Nun gut, es gibt ja noch weitere Tankstellen. Also fahre ich weiter zur Esso. Wie auch schon bei der Shell gibt es dort leider keine großen Anzeigen, die mich über die aktuellen Spritpreise informieren. Es ist immer ein bisschen ein Glücksspiel, ob man nun billig oder teuer tankt. Sei es drum, bei der Esso ist eine Zapfsäule frei, also fahre ich an diese heran. Bevor ich Benzin zapfen kann, muss ich allerdings meine Bezahldaten hinterlegen. Dumm nur, dass ich dafür die Esso-Tankkarte benötige, für die ich mich nicht registriert habe, da ich hierfür eine monatliche Grundgebühr von 9,90 Euro Zahlen muss. Eine Bezahlung mit einer Kreditkarte- oder EC-Karte ist leider ausgeschlossen.

Also geht es weiter zur nächsten Tankstelle. Der Tank wird immer leerer und viele weitere Möglichkeiten gibt es langsam nicht mehr. Nach kurzer Fahrt erreiche ich eine Aral. Glücklicherweise akzeptiert diese auch meine Shell-Tankkarte, verlangt aber im Gegenzug je Liter Benzin 10 Cent Aufpreis. Hinzu kommt noch, dass ich auch hier gar nicht genau weiß, wieviel meine Tankfüllung eigentlich kostet. Schließlich haben Shell, Esso und Aral gänzlich unterschiedliche Abrechnungssysteme etabliert.

Bei Shell zahlt man nach getankten Litern, wobei es gar keine Rolle spielt, ob das Erdöl gerade günstig oder teuer ist. Der Sprit wird einfach immer sehr teuer verkauft. Bei Esso wiederum bezahle ich je angefangenen Tankvorgang einmalig 10 Euro und anschließend für 10 Sekunden tanken pauschal 5 Euro. Hier wird es dann teuer, wenn ich noch auf Toilette muss oder noch einen Kaffee im Shop genießen möchte. Ganz anders wiederum macht es Aral: Hier bezahle ich abhängig von der Größe meines Einfüllstutzens. Mein Golf hat zum Glück einen relativ großen Einfüllstutzen, wodurch ich einen vergleichsweise geringen Preis je Liter zahlen muss. Bei meinem alten Lupo war das noch ganz anders. Hier war tanken bei Aral immer besonders teuer, da dieser nur einen kleinen Einfüllstutzen hat.

Wie dem auch sei, ich habe endlich eine freie Zapfsäule gefunden, die meine Tankkarte akzeptiert. Um zu Tanken muss ich nun nur noch die Zapfpistole und den Tankschlauch aus meinem Kofferraum holen. Dummerweise liegt beides immer in dem Fach unter meinem Kofferraum verstaut. Also wuchte ich die Getränkekisten aus dem Auto, um das Fach öffnen zu können und endlich den Tankschlauch und die Zapfpistole an der Zapfsäule anzuschließen. Zum Glück habe ich auch den passenden Adapter mit, mit dem ich meine Zapfpistole an die Aral-Kupplung einstecken kann. Die großen Tankstellenbetreiber haben nämlich auch hier eigene Standards gesetzt. Endlich kann ich also meinen Golf betanken. Nach kurzer Zeit ist der Tank voll, ich kann die Zapfpistole wieder im Kofferraum verstauen und endlich nach Hause fahren. So ein Stress aber auch…

So unvorstellbar diese kleine Geschichte auch klingen mag, für Besitzer eines Elektroautos ist sie in dieser Form mehr oder weniger Realität. Ein Elektroautofahrer kann nicht einfach zu einer freien Ladesäule fahren, das (festinstallierte) Ladekabel entnehmen und die Batterie laden. Vorher ist es fast immer notwendig, sich für den Betreiber der Ladesäule zu registrieren. Teilweise werden hierfür Grundgebühren verlangt, teilweise gibt es auch Prepaid-Tarife oder ganz andere Bezahlmodelle. Unabhängig davon erhält man von jedem Betreiber eine eigene Ladekarte, die dann natürlich auch nur von diesem einen Betreiber akzeptiert wird. Der ein oder andere Elektroautobesitzer dürfte da inzwischen eine ordentliche Sammlung an Karten angehäuft haben, um sein Fahrzeug in verschiedenen Städten nutzen zu können. Warum eine einfache Bezahlung per Kredit- oder EC-Karte ein Ding der Unmöglichkeit sein soll, kann ich nur schwer nachvollziehen. Schließlich kann ich meine 1,20-Euro-Parkgebühr auch problemlos mit EC-Karte bezahlen…

RFID-Ladechips
RFID-Ladechips von Plugsurfing (links) und The New Motion (rechts)

Abhilfe beim Thema Bezahlen leisten hier Dienstleister wie The New Motion oder PlugSurfing. Einmal registriert, kann man mit der entsprechenden Karte bei einer Vielzahl von Betreibern laden, und das ohne Grundgebühr. Bei The New Motion bezahlt man dann den Preis, den der Betreiber der Ladesäule verlangt plus 35 Cent Transaktionsgebühr für The New Motion. Diese Ladekarte lohnt sich also, wenn man häufig bei wechselnden Betreibern laden möchte. PlugSurfing betreibt ein anderes Konzept. Hier werden Verträge mit den einzelnen Betreibern abgeschlossen, die es ermöglichen an diesen Säulen zu den Konditionen zu laden, die PlugSurfing verhandelt hat. Eine Preisliste gibt es hier.

Beide Dienstleister bieten an dieser Stelle einen guten Ansatz etwas Ordnung in das Ladekarten-Chaos zu bringen. Wirkliche Transparenz, was die Ladekosten angeht, wird aber so auch noch nicht erzielt.

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Die aktuelle Standard-Ladesäule für hohe Ladeleistungen: Der „Triple-Charger“ mit Typ 2 (43kW), CCS (50kW) und CHAdeMO (50kW). Die Kabel sind hier fest an der Ladesäule angebracht,

Ein Wort noch zu den Ladekabeln (bzw. Zapfpistole und Tankschlauch): Aktuell ist es leider noch gang und gäbe, dass jedes Auto sein eigenes Kabel benötigt. Bei den leistungsstarken Gleichstromladern CCS, CHAdeMO und den Tesla Superchargern sieht das aber auch schon anders aus. Hier sind sowohl Ladekabel als auch Ladestecker Teil der Ladesäule. Ein andere Lösung wäre hier aber auch zu teuer und unhandlich, da die entsprechenden Kabel und Stecker deutlich größer und teurer sind als bei den verbreiteten Wechsel- und Drehstromsystemen.

Mein kleiner Vergleich mit dem klassischen Tanken von Sprit soll an dieser Stelle aufzeigen, was alles noch getan werden muss, um das Laden eines Elektroautos einfach und günstig zugleich zu machen. Hier liegt offenbar noch ein steiniger Weg vor uns…

5 Kommentare zu „Tanken, möglichst kompliziert.

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  1. Leider die Realität, da jeder versucht sein Geschäftsmodell durchzudrücken, bei dem er besser verdient, als alle anderen. Dabei gibt es zumindest schon das perfekte Abrechnungssystem – weltweit seit über 10 Jahren milliardenfach erprobt: Einfach eine SIM-Karte des Anbieters meiner Wahl rein und überall zapfen. Rechnung geht per Roaming über meinen Anbieter – selbst mit meinem 13 Jahre alten Nokia konnte ich bis zur letztjährigen Einmottung weltweit telefonieren – ganz ohne extra Karten oder Smartphone-App …

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    1. Da eine SIM-Karte eh bald zum Standardumfang eines jeden Neuwagen gehören wird, ließe sich darüber sicherlich recht problemlos die komplette Bezahlung von Services wie Laden, Parken, Autowäsche, etc. bezahlen. Als Übergangslösung wird dann eben das Mobiltelefon eingesetzt.

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  2. Ein sehr guter Vergleich. Die Texte hier auf generationstrom sind wirklich lesenswert. Es gibt übrigens den ISO Standart 15118, damit kann sich das E-Auto an der Ladesäule identifizieren und der Strom kann darüber abgerechnet werden. Meines Wissens nach nutzt Tesla diesen Standart um seine E-Autos zu laden (mittlerweile ist der Strom für neue Tesla Fahrer auch an den SuperChargern nicht mehr generell kostenlos).

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    1. Das erste Auto, welches (neben Tesla) Plug&Charge nach ISO 15118 unterstützt hat, ist übrigens der smart fortwo ed der Baureihe 451. Leider wurde bei der Infrastruktur diese wirklich sinnvolle Funktion fast nie implementiert, was ein Grund für das Ladekarten-Chaos ist.

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